HHG auf Ochsentour
„In Kropp is allns anners!“

von Karl Heinz Vollstedt

Ochsen-Gag
Es fing damit an, dass Kropper Einwohner Schweine und Bullen aus Kunststoff auf großen Festen in südlicheren Orten entdeckten: In Zürich tummelten sich über 800 lebensgroße, werbewirksame Kühe in den belebten Straßen. Die Besucher der schweizerischen Metropole zeigten sich begeistert. Frank Behrendt stieß auf Kunststoff-Schweine in Lüneburg und eine Bullenherde in Osterholz-Scharmbeck. In ihrem Friseursalon hatte ihn Ute Sommerfeld darauf aufmerksam gemacht. Da schoss ihm ein Gedankenblitz durch den Kopf: Das wäre doch ein Gag für die Kropper Info-Schau (KIS)! Ochsen! In früheren Jahrhunderten zogen riesige Herden dieser Vierbeiner auf dem uralten Verbindungsweg von Jütland zu den Schlachthöfen an der Elbe und weiter, bis zu 50 000 Stück im Jahr. Sie verbrachten ihre Nächte auf den Weiden bei Mielberg und Heidbunge. In unserer Zeit baut man ihnen Denkmäler. Aus dem Kropper Wappen schaut ein Ochse, über dem Rathauseingang ist er nicht zu übersehen. Der Hörnerplatz und das neue Denkmal bei der Kirche bei der Einfahrt zum Ortsochsenweg erinnern an die großen Ochsendriften. Auf Kropperbusch will man ihnen in der Nähe des alten Ochsenkruges ein Museum mit Infoständen widmen: „Du büst Kropperbusch noch ni vörbi!“
Im Jahre 2001 sollten 51 von ihnen für die Werbung auferstehen. Diese Menge war aus produktionstechnischen Gründen die Mindestabnahme. Ob die Kropper Betriebe so viele Biester abnehmen würden? HHG-Vorsitzender Adolf Deeke war zunächst skeptisch: „35 können wir bestimmt absetzen.“ Wer würde Ochsenbauer werden wollen?

Ochsen-Fieber
Mitglieder der HHG-Veranstaltungs-GmbH trugen ihre aus dem Rahmen fallende Werbeidee im Kropper Rathaus vor und zeigten Aufnahmen von bisherigen künstlichen Vielherden. Was in anderen Orten möglich gewesen war, müsste doch auch in Kropp gelingen. Adolf Deeke, Frank Behrendt und Udo Peschke begeisterten sich so sehr an ihrem Vorschlag, dass von ihrer Euphorie Bürgermeister, Bürgervorsteher und die Vertreter der Presse angesteckt wurden. Sorgten die Ochsenbazillen sofort für 38° Fieber? Kein Wunder, dass tüchtig übertrieben wurde: Der Bürgermeister könnte zum Landwirtschaftsminister der Kropper Region, der Bürgervorsteher zum Bauernpräsidenten avancieren! Sie schmunzelten nur, doch die Gemeinde stimmte einem Vorfinanzierungszuschuss für die Anschaffung der Biester zu und zeigte sich bereit, die Werbung zu unterstützen. Sie könnte der Region viele Vorteile bringen und als Auftakt für weitere Aktivitäten rund um den Markt und für den Tourismus am Ochsenweg genutzt werden. Auch am Stammtisch war man begeistert: „Sofort bestellen!“ war der einhellige Tenor. Da kletterte das Thermometer bei einigen spontanen Mitgliedern auf 38,5°. Ob ein Dr. vet. oder ein Dr. med. die Diagnose feststellte, ist heute nicht mehr zu klären. Bereits ein paar Tage später erschienen Fotos eines Kunststoffochsen in den Tageszeitungen, wie es auf dem Rasen des Stadions nach Zuschauern Ausschau hielt, mitten im Winter, kurz vor dem Fußball-Blitzturnier von Schalke, HSV und Wolfsburg.
Als der Prototyp auf dem Neujahrsempfang in Kana vorgestellt wurde, sorgten die Ochsen-Viren bei allen Besuchern schnell für 39° Fieber. HHG-Boss Adolf Deeke fand volle Zustimmung für den Gag. Der erste Ochse wurde „Reinhard“ getauft. Er sah aus wie das Wappentier und war schön geschmückt mit Stirnpony, Kranz, Logo und Landkarte mit dem Ochsenweg. Vergessen worden nicht einmal sein letzter Fladen „Kohschiet“. Da waren bereits 51 Ochsen verkauft. Bei der Messe konnte nichts mehr schief gehen. Der HHG-Talisman stand sicher auf vier Beinen.

Ochsen-Tour für den HHG
Es ist bekannt, dass sich Grippe-Vieren schnell ausbreiten. Ochsen-Viren scheinen die gleiche Fruchtbarkeit zu entwickeln. Bei der Jahresversammlung des HHG stand der Ochse Reinhard mitten zwischen den Tischen und sorgte sofort für weitere Viren-Ansteckung bei den zahlreich erschienenen Mitgliedern. Da das Ochsenfieber von 40° grassierte, wurden die Tagesordnungspunkte schnell abgehakt – nur nicht „TOP Ochse als Werbeträger“. Er beherrschte die Versammlung. Würde er zur Keimzelle für eine Belebung der Messe, der Mondscheinnacht, des Hauptstraßenfestes und anderer Veranstaltungen werden? Wie würden die lebendigen Rinder auf der Messe auf die in allen Farben schillernden Artgenossen reagieren? Adolf Deeke war wieder begeistert: „Es sind schon 55 Ochsen bestellt und verkauft worden!“ Noch nie hatte eine Werbeidee so eingeschlagen wie der Ochse. Man versprach sich von ihm großes Aufsehen beim Auftreten im Fernsehen beim Auftrieb auf dem Markt, bei der KIS, beim Hauptstraßenfest vor Weihnachten, bei einer Preisverteilung für den „künstlerisch schönsten Ochsen“, während der Mondscheinnacht 2002, auf der Berliner Woche 2002. Man malte sich aus, wie die lila farbene Milka-Kuh beim Erscheinen eines leuchtend farbenen Kropper Ochsen ganz neidisch dreinschauen werde! Man war von einer langen Ochsen-Tour über zwei Jahre überzeugt.
Beim schnellen Ausbreiten des Ochsen-Fiebers ist festzuhalten, dass die ganze Bevölkerung von den Viren angesteckt wurde. Da ist es eigentlich eine Nebensache, dass die Werbetiere aus dem Schwabenländle nicht aus Fleisch und Blut bestehen. Sie wurden aus einem Nebenprodukt „gezüchtet“, das bei der Herstellung von Lkw-Armaturenbrettern gewonnen wird.

Ochsen-Krieg
Die Werbekampagne des HHG lief nicht so glatt über die Bühne, wie man es sich erhofft hatte. Am 15. Febraur wurde im Radio über eine Kropper Ochsenkrise geredet. Im Interview teilte Frank Behrendt mit, dass eine Künstlergruppe aus Lüneburg in Wedel, Ziel der großen Ochsendriften früherer Jahrhunderte, eine Kuhparade vorbereite. Sie hatte von der Kropper Aktion, bemalte Kunststoffochsen in die Stadt zu treiben, Wind bekommen. Die Quertreiber aus der Heide hatten sich sogar beim Ministerium in Kiel und beim Kropper Bürgermeister beschwert. Zwischen den Lüneburger Kühen und den Kropper Ochsen drohte ein Krieg auszubrechen.
Beim HHG blieb man cool. „Wir haben über unseren Anwalt eine Abmahnung zustellen lassen, unsere Kunstausstellung am Ochsenweg nicht zu stören!“ erklärte Frank Behrendt. Er hatte inzwischen erfahren, dass man Kunststofftiere beim Patentamt nicht schützen konnte. Ein paar Tage später brachte er einen Kropper Ochsen nach Wedel und stellte ihn auf dem Platz des früheren Ochsenmarktes vor. Behrendt: „Mit diesem Ochsenkrieg in Wedel werden wir fertig.“
Am 18. April war im NDR zu vernehmen, dass Wedel wegen der Maul- und Klauenseuche auf den traditionellen Ochsenmarkt verzichten würde. Statt dessen würden 20 Kunststoffochsen aus Kropp im Rahmen der „größten Kunstausstellung auftreten“. So geschah es.

Ochsen-Auftrieb
Wer den Kropper Viehmarkt vor rund 50 Jahren noch in Erinnerung hatte, kam aus dem Staunen nicht heraus. Nun sollten 55 Ochsen aus Kunststoff neuen Schwung auf dem alten Marktplatz bringen. Früher wechselten echte Rinder die Besitzer dort, wo sich heute der ZOB befindet: „Ton Ersten, ton Tweeten, ton Dritten!“
Am 30. März 2001 vollzog sich der Ochsenauftrieb ganz anders. Die noch „blonden Tiere“ aus dem Schwabenländle brauchten nicht einmal zu brüllen. Das vollzogen phonstarke Lautsprecher, auch den alten Bonanza-Hit intonierten sie. „Wollen wir se rein lasse?“ Adolf Deeke begrüßte die Zwei- und Vierbeiner, die Ochsenbauern und -treiber, die die Tiere noch farbig umgestalten mussten. Mitten drin im Spektakel Fernseh- und Rundfunkleute. So etwas hatte sich auf der ganzen Welt noch nicht ereignet. Da musste man doch sichtbar und hörbar machen, was „in Kropp allns anners is.“ Garantiert ohne BSE und MKS! Einige Zuschauer nickten, als Deeke Sponsoren, Käufern und aktiven für den Gag dankte.
Bürgermeister Müller erinnerte an den alten Ochsenweg und versprach, bald ein Ochsenwegmuseum zu verwirklichen, wenn die Einwohner die Werbeaktion mit umsetzen würden. Kreishandwerkermeister Hans-Christian Langner überbrachte die Grüße der Innung und wünschte, dass das Ochsenfieber lange anhalten möge.
Dann zogen die neuen Ochsentreiber davon, um den Vierbeinern schönere Kleider verpassen zu lassen. Wer leer ausging, tröstete sich mit Ochsenschwanzsuppe, Ochsenbier und Ochsenblut. Und auch Lästermäuler hatten mobil gemacht. Der Witz ging von Mund zu Mund: „Hast du schon gesehen, dass der Ochse auf dem Podest bei Auto-Thomsen stolz nach Osten zum Ochsenweg schaut? Da antwortet ihm ein Nichtkropper: Und seinen M... (Achtersteven) zeigt er stolz nach Kropp!“

 

 

Ochsen-Begeisterung
Einige Kropper Einwohner waren anfangs noch nicht vom Ochsenfieber angesteckt worden. „Sie übertreiben!“ wurde gemeckert. Aber je näher die K.I.S. rückte, desto leiser wurden die negativen Stimmen. Und auf der Messe gaben einige zu, dass sie zunächst sehr skeptisch gewesen seien. Aber der gute Besuch habe bewiesen, dass der Werbegag „voll eingeschlagen“ habe. „Amt Kropp aktuell“ prophezeite kurz vor der Info-Schau: „Bestimmt wird diese 6. K.I.S. noch mehr Aufmerksamkeit erregen als die vorangegangenen ‚Schuld‘ daran trägt der neue Werbegag mit den 55 Ochsen, individueller und attraktiver gestaltet als die lila farbenen Schokoladenkühe im Fernsehen. Die 120 HHG-Mitglieder haben diesmal wirklich keine Kosten und Mühen gescheut, um möglichst viele Gäste im Unterzentrum willkommen zu heißen.“
Der Erfolg blieb nicht aus. Viel Lob erntete der HHG für die gute Organisation und für kreative humorvolle Ideen. In den Grußworten prominenter Gäste bei der Eröffnung wurde die Bedeutung der größten Wirtschaftsmesse der Region herausgestellt und Spaß und Unterhaltung des Rahmenprogramms gewürdigt. „Hier in Kropp spürt man die Wirtschaft zum Anfassen!“ betonte die Schirmherrin, Ministerin für ländliche Räume Ingrid Franzen, am Rednerpult, an dem das neue Kropper Ortsschild „Kropp Ossentown“ prangte. Im Unterzentrum würden energische Schritte in die Zukunft vollzogen, lobte sie Mit der Idee, Ochsen im Ort am alten Ochsenweg vor den Werbewagen zu spannen, habe der Verein voll ins Schwarze getroffen. Für den Bundestagsabgeordneten Wolfgang Börnsen „is Kropp en Nest mit veel Kraft, krötig as de Ossen, aber anners as de Hornochsen in Berlin!“
Bei so guten Worten, der frohen Laune des Wettergottes und der guten Organisation konnte auf der Messe einfach nichts schief gehen. Hatten auch die Ochsen ihren Anteil an der Begeisterung? Sie wurden am Nachmittag vor der Eröffnung auf den Messeplatz „getrieben“.

Ochsen-Parade
Inzwischen sind die Kropper dafür bekannt, dass sie viel auf die Beine stellen. Sogar Ochsen. Nicht nur Rotbunte und Schwarzbunte. Wegen BSE und MKS wurde in diesem Jahr eine neue Rasse gezüchtet, garantiert frei von Ungeziefer. Wie bei der lila farbenen Schololadenkuh sollte sie in seltenen Tierfarben und Nuancen erfreuen, sogar mit Rosen und Ringelsocken geschmückt.
Beim Auftakt der Kropper Info-Schau wurden die Vierbeiner nicht auf dem uralten Ochsenweg an die Elbe getrieben, sondern sie zogen im langsamen Parademarsch durch die Hauptstraße zum Messegelände. Unterwegs versuchten sie, die Augen der herbei geeilten Zaungäste auf sich zu lenken. Was hatten sich die Kropper Zweibeiner doch für tolle Ideen einfallen lassen, um die schönen Vierbeiner ins rechte Licht zu rücken! Denn die Kunststoffochsen hatten doch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: Werbung für die K.I.S., Werbung für Handel, Handwerk und Gewerbe und Werbung für Kropp! Um weit und breit kund zu tun, dass in Kropp viel Neues und Besonderes auf die Beine gestellt wird, erfüllten sie ihre Aufgabe hervorragend.

 

Ochsen-Schönheitswettbewerb
Ein paar Tage nach der K.I.S. wurden die Ochsen zur Misswahl, besser Misterwahl, vor der Gaststätte Bandholz zusammen getrommelt. „Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist der schönste Ochse im Kropper Land?“ Fast 1500 Besucher hatten ihre Stimme abgegeben. 165 der Juroren meinten, dass der auffälligste Vierbeiner von Elektro-Hansen geschaffen sei und den ersten Preis verdiene. Er war mit viel Arbeit und Grips geteilt worden. Das Hinterteil guckte vom Bürgersteig durch das „zersplitterte“ Schaufenster: „Ich bin drin – und du?“ Das Vorderteil war mit Glasfieber vergrößert und mit Bohrmaschine und Handy ergänzt worden. Da hatten Torge Hansen und seine Konstrukteure viel Phantasie entwickelt.
Auf den zweiten Platz kletterte der Ochse von Kai Schellers aktivMarkt. Er trug auf seinem Fell die Schleswig-Holstein-Karte mit den Plätzen der Edeka-Märkte im Lande.- An den dritten Vierbeiner hatten die Leute des Gasthofes Bandholz ein Bierzapfanlage angebracht, die auch im Grünen, so auf einer Weide, in Betrieb gesetzt werden kann. Da dürfte die Tochter mit leuchtenden Farben mit geholfen haben.- Voller guter Ideen steckte der vierte Ochse vom Küchenhaus Hohe. Bei ihm war eine Küchenzeile mit Wasserhahn integriert. Beim Streicheln muhte das Tier und ließ das Wasser laufen.- Platz 5 belegte der besonders schöne Ochse aus dem Stall der Elch-Apotheke. Bei ihm hatten Air-brush-Künstler ein Landschaftsmotiv aus Lappland mit dem röhrenden Elch aufs Fell gezaubert.- Sehr gelungen war auch das Farbkleid des sechsten Ochsen, den Karin Seidner aus dem Porzellanhaus Schramm in den Wettbewerb gejagt hatte.. Dem blonen Vierbeiner war ein Loch aufs Fell gemalt worden. Die Scherben lagen unter ihm: „Scherben bringen Glück,“ sagt ein Sprichwort.
Auch die anderen Ochsen hätten einen Schönheitspreis verdient gehabt. Mit viel Phantasie, Sorgfalt und Können waren sie gestylt und geschmückt ins Rennen geschickt worden, um auf sich, auf die K.I.S. des HHG und auf Kropp aufmerksam zu machen. Das taten sie auch an den folgenden Tagen. Mitunter stiegen fremde Fahrer aus ihren Autos, um sich zu erkundigen: „Was ist denn hier los? Vor den Geschäften stehen überall Kühe. Was bedeutet das?“

Ochsen-Stallwechsel
Die Kropper Kunstochsen machten nicht nur bei ihrer Ankunft, beim Viehtrieb zur K.I.S, bei großen Fußballspielen im Stadion und auf der Messe Schlagzeilen, sie reizten auch die Autotouristen. Einige stiegen sogar aus und erkundigten sich bei den Passanten: „Warum stehen hier überall Kühe vor den Geschäften?“
Inzwischen haben einige Vierbeiner ihren (Stall) Stehplatz gewechselt. Sie fanden Unterkunft in den Regen sicheren Läden oder kletterten auf Dächer und auf Balkone, um weitere Bewunderung und weite Blicke über Kropp-Ossentown zu erhalten. Die Zweibeiner halfen ihnen mit Seilwinden und Kränen, in höhere Dimensionen zu gelangen. Da gab es neugierige Fragen der Tierschützer: „Was sollen die Kühe auf den Dächern? Dort ist doch kein Gras!“
Die Phantasien der HHG-Mitglieder scheinen noch lange einen freien Lauf zu haben. Da werden sie ihre Tiere bis Sylvester noch oft auf die Beine stellen; denn es hat sich ja erwiesen, dass der Werbegag rund 18000 Besucher zur Infoschau lockte, etwa 8000 mehr als vor zwei Jahren ohne kreative Vierbeiner. Wenn man für 2001 ein Adjektiv finden müsste, würde es bestimmt als ein „verrücktes Ochsenjahr“ in die Kropper Geschichte eingehen.

 

Kropper Ochsen geistern durch Potsdam
Die Kropper Ochsen sind nicht nur in der Provinz bekannt und berühmt geworden. Der HHG-Werbegag scheint sich wie ein Virus bis in die alte Markt Brandenburg ausgebreitet zu haben. Eckhard Knuth jedenfalls brachte eine „Märkische Allgemeine“ aus dem Urlaub mit, die er in Potsdam gekauft hatte. In ihr berichtete eine Britta Lippold unter der Überschrift „Eine wahre Ochsentour“ über ihre Radwanderung auf dem alten Ochsenweg. Bevor sie zum Ochsenparadies Kropp gelangte, besuchte sie an der dänischen Grenze ein paar richtige Ochsen, „Nachfahren jener Tiere, die im 16. und 17. Jahrhundert“ entlang getrieben wurden.
Was die Leser in der Nähe des Schlosses Sanscoussi des alten Fritz unter einem Foto vom Ochsenumzug durch die Hauptstraße lesen mussten, sei wörtlich überliefert, obwohl einiges an den Tatsachen vorbei geht: „Nach dem Danewerk kam für die Ochsentreiber die schwierigste Strecke: die Kropper Heide. An einem alten Ochsenkrug, von denen viele noch in Betrieb und Radfahrern eine willkommene Anlaufstelle sind, steht die Warnung: ‚Du büst Kropper Busch noch ni vörbi!‘ Dafür gibt es zwei Deutungen: Bei Kropp lauerten viele Diebe und Wegelagerer oder der Weg durch die sandige Heidelandschaft ist eine Herausforderung für die Ochsenkarren – und Fahrräder.
Der Ort Kropp war vor 400 Jahren ein bedeutender Marktflecken. Anfang Mai tummeln sich hier jede Menge Rindviecher: Die Gemeinde hat 55 lebensgroße Plastik-Ochsen gekauft und sie von Künstlern bemalen lassen. Wer durch die Gassen von Kropp radelt, kann die Tiere überall in den Straßen sehen. Ziel der Aktion ist es, mit allen 50 Ochsengemeinschaften den alten Triftweg mit den bunten Tieren zu säumen und so die längste Dauerausstellung der Welt auf die Rinder-Beine zu stellen.“
Würde der alte Fritz wie ein Ochse brüllen, wenn er das über Kropp lesen würde?

Ochsen-Hauptstraßenfest
Beim adventlichen Hauptstraßenfest machte immer ein Glücksschwein besonders auf sich aufmerksam. Doch Mitte August hatte es noch nicht genug Fleisch auf Rippen und Schenkel angesetzt. Wozu hat Kropp die bunten Ochsen? Sie traten wieder mächtig ins Rampenlicht und beherrschten die Hauptstraße, nachdem sie sich ausgerechnet vor der Schlachterei Frischkemuth bei der Musik des jungen Spielmannszuges versammelt hatten. Beim Umzug waren auch der Porzellan-Vierbeiner Leonardo mit goldenen „Stoßstangen“, goldenem Nasenring, goldenen „Zehen“ und goldener „Fliegenklatsche“ und der schwarze Ochse Cicero mit Zylinder dabei. Sie feierten Hochzeit in der alten Hauptstraße.
Wieder zog der „Kropper Ku’damm“ viele Menschen an. Doch das Bild war anders als im Winter: Die Leute standen nicht vermummt am Punschglas, sondern lustwandelten in heller, offener Kleidung oder setzten sich an die langen Tische mitten auf der Straße. Da brauchten sie auf das Festessen mit Ochsenbraten und Bierspülung und auf süßen Kuchen nicht lange zu warten. Auf den Bürgersteigen und in den Geschäften warteten Sonderangebote. Musik und Unterhaltung gab es genug. Die Modenschau von Anita und der Square Dance fanden viel Beifall., bei den Kindern das Karussell, das Schminken und das Reiten.
Leider kam die Sonne so spät. Einige Regentropfen konnten den Spaß nicht verderben. Viele Besucher freuten sich über das Wiedersehen mit alten Freunden und Bekannten. Wie fanden sie das sommerliche Hauptstraßenfest? Am meisten wurde ihr Urteil so umschrieben: „In Kropp is allns anners!“

Ochsen im Ruprecht-Look
Erstmals waren die Ochsen am 15. Dezember Star des vorweihnachtlichen Hauptstraßenfestes – nicht das Glücksschwein Jolanthe. Sie hörten das süße Klingeln der Kassen in den Geschäften, das Klimpern der letzten DM an den Ständen und in den Buden und den lebhaften Trubel um Loswagen und Glückshäuschen. Sie hörten die Weihnachtsmusik aus Posaunen, Trompeten, Flöten und Leierkasten und erlebten, wie Erbsensuppe aus einer Goulaschkanone und herzhaften Waren der Stände mit heißem Grog und wie leckere Förtchen und süße Sachen mit Prozenten im Punsch in die strapazierten Mägen gespült wurden. Dazu gab es viel zu klönen über die Ereignisse des langen Jahres 2001.

Ochsen-Abschied
Eine Verabschiedung geschieht meistens leiser als eine Ankunft. Das erlebten die Einwohner von Ossentown mit ihren Kunststoffochsen in der Mondscheinnacht 2002. Eineinhalb Jahre hatten die Vierbeiner für viel Wirbel in den Straßen und auf Veranstaltungen gesorgt. Beim Festumzug wurde nur ein alter Erntewagen von zwei Ochsen „gezogen“, und der Mammutochse von Elektro-Hansen thronte mit auf dem Festwagen. Vorher war in der Jahresversammlung des HHG vorgeschlagen worden: „Wer einen Ochsen abgeben möchte, kann ihn bei Auto-Thomsen ins Gatter jagen – zur „Erholung, zur Inspektion oder zum Ölwechsel“.
Wird Kropp nach der Ochsenzeit nun wieder eine stille Gemeinde am Ochsenweg? Behält es den Spitznamen „Ossentown“ und die Erinnerung an eine aufregende Werbung mit den schmucken Vierbeinern?